Terrorismus

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Definition: der Einsatz brutaler Gewalt durch Durchsetzung von Interessen (mit diversen zusätzlichen Merkmalen)

Englisch: terrorism

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 23.10.2016; letzte Änderung: 25.10.2016

Das Phänomen des Terrorismus hat vielfältige Bezüge zur Flüchtlingsproblematik, weswegen es hier ausführlich diskutiert werden soll.

Zum Begriff des Terrorismus

Es ist sinnvoll, sich zunächst Gedanken zum Begriff des Terrorismus zu machen. Hierfür gibt es keine allgemein akzeptierte Definition. Vom Wortursprung ausgehend, kann man darunter den Einsatz brutaler Gewalt (meist gegen Menschen) mit schwerster Verletzung von Menschenrechten zwecks Durchsetzung von Interessen verstehen. In dieser allgemeinen Form würde der Begriff jedoch vielerlei gewalttätige Aktionen umfassen, die üblicherweise davon ausgenommen werden – beispielsweise Kriege. In der Regel wird der Begriff also mit wesentlichen Einschränkungen verwendet, die aber häufig umstritten sind:

Unverkennbar ist die Verwendung des Begriffs “Terrorismus” häufig von Interessen geleitet:

Kämpfer, die den eigenen Interessen dienen, bezeichnet man lieber als Freiheitskämpfer und nicht als Terroristen.

Solche Interessen dürften ein wesentlicher Grund dafür sein, dass es eine allgemein anerkannte Definition von Terrorismus trotz intensiver Bemühungen immer noch nicht gibt. Allerdings stecken dahinter auch intellektuelle Schwierigkeiten, die Komplexität der Welt angemessen mit Begriffen zu erfassen.

Ursachen und Funktionen des Terrorismus

Terrorismus hat nicht nur für seine Opfer, sondern auch für diejenigen, die ihn ausüben, in den wohl meisten Fällen einen sehr hohen Preis. Dieser wird nur deswegen in Kauf genommen, weil er wichtige Funktionen erfüllen kann. Hierfür einige Beispiele:

Terrorismus entsteht oft durch lange dauernde Unterdrückung – ist deswegen aber keineswegs ein besonders effektives Mittel zu deren Überwindung.

Blanke Verzweiflung ist wohl unverzichtbar für Terror, aber nicht bei deren Organisatoren.

Für Regierungen ist der verdeckte Einsatz von Terror häufig attraktiver als eine offene Kriegsführung.

Die Nutznießer sitzen oft in einem ganz anderen Lager, als es scheint.

Der “Krieg gegen den Terror” gibt den Staaten Möglichkeiten, die sie sonst nie bekämen.

Selbstverständlich ist es für die wirksame Bekämpfung von Terrorismus essenziell, dass man Ursachen und Funktionsweise von Terrorismus möglichst genau versteht, falsche Schuldzuweisungen (auch mit gelegten falschen Fährten) identifiziert und die Auswirkungen des eigenen Handelns möglichst sorgfältig abzuschätzen versucht.

Terrorismus und Flüchtlinge

Flüchtlingskrisen haben häufig auf ganz verschiedene Weisen mit Terrorismus zu tun; diese Bezüge sollen im Folgenden diskutiert werden.

Terrorismus als Fluchtursache

Menschen, die vor Krieg und Terror geflohen sind, dürften dafür in der Regel kaum Sympathien haben.

In sehr vielen Fällen sind Flüchtlinge als Folge brutaler Gewalt zur Flucht motiviert oder gezwungen worden – wobei es unerheblich ist, ob man diese Gewalt als Terrorismus einstuft. Hier muss man sich bewusst sein, dass die Zahl der Terroropfer beispielsweise in vielen Ländern des Nahen Ostens weitaus größer ist als in Europa. Obwohl sich die öffentliche Diskussion in Europa sehr stark mit islamistischem Terrorismus beschäftigt, muss man sich bewusst bleiben, dass weltweit die allermeisten Terroropfer Muslime sind, d. h. dass diese ein weitaus größeres Problem mit dem Terror haben als wir. Vielerorts ist es keineswegs so unwahrscheinlich wie etwa in Deutschland, dass man demnächst zum Terroropfer wird – die Menschen fliehen normalerweise nicht wegen einer mehr theoretischen Befürchtung, sondern angesichts der in unmittelbarer Umgebung zu beobachtenden Vernichtung. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass nur ein winziger Teil der Flüchtlinge auch aus islamischen Ländern Sympathien für Terror hat.

Terrorismusgefahr durch Flüchtlinge

Allerdings gibt es leider eine solche kleine Minderheit, die tatsächlich gewalttätige Aktionen gegen die Bevölkerung der Länder, die sie aufgenommen hat, befürwortet oder gar aktiv unternimmt. (Beispielsweise scheint es bei den in Deutschland aufgenommenen syrischen Flüchtlingen ein Anteil von weit unter einem Promille zu sein.) Hierbei spielt eine Kombination von radikaler politischer und religiöser Indoktrination offenbar eine wichtige Rolle. Gewisse Individuen kommen so zu dem Glauben,

  • dass die westlich geprägten Gesellschaften für das verbreitete Elend in ihren eigenen Ländern verantwortlich sind (z. B. durch Kriege oder die Installation von Marionetten-Regierungen),
  • dass dieses Elend verringert werden könne oder zumindest gerächt werden sollte, indem man diese Gesellschaften bekämpft, und
  • dass diese Gesellschaften so verdorben seien (etwa durch fehlenden Glauben an die einzig richtige Religion), dass Gewalt gegen alle ihre individuellen Mitglieder gerechtfertigt sei.

Die genauen psychologischen Mechanismen, die Menschen zu Terroristen werden lassen, sollte man so gut wie möglich untersuchen – auch wenn es sicherlich nicht einfach ist.

Zur tatsächlichen eigenen Ausübung von Gewalt reichen solche Überzeugungen allerdings vermutlich meist nicht aus; hinzu müsste wohl das Gefühl kommen, ohnehin keine Chance auf ein lebenswertes Leben zu bekommen. Eine zumindest subjektiv so empfundene Perspektivlosigkeit (ggf. durch raffinierte Propaganda verstärkt) muss wohl vorliegen, bevor man seine eigene Existenz höchster Gefahr oder sogar dem sicheren Untergang (etwa in einem Selbstmordanschlag) aussetzt. Allerdings sind die genauen Umstände und die Bedeutung einzelner Risikofaktoren wohl noch nicht vollständig verstanden.

Was bei Flüchtlingen schief gehen kann, kann prinzipiell auch bei anderen Menschen passieren – insbesondere bei Randgruppen, die unter prekären Verhältnissen in Getto-Strukturen leben.

Wohlgemerkt können solche Gefahren keineswegs nur bei Flüchtlingen entstehen. Es ist bekannt geworden, dass auch unter Menschen, die weitgehend oder vollständig in einem westlichen Land aufgewachsen sind, gelegentlich Terroristen rekrutiert werden können – insbesondere in Milieus, in denen eine verbreitete Perspektivlosigkeit vorherrscht. Besonders gefährlich scheinen in dieser Hinsicht gewisse vernachlässigte Vorstädte oder Stadtteile zu sein, in denen einige Faktoren zusammenkommen, etwa die Bildung von allzu einheitlich ethnisch geprägten Gemeinschaften, die kaum konstruktiven Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung haben, mangelnde Chancen auf Bildung und berufliche Entwicklung und die Anwesenheit von Personen, die solche Bevölkerungsteile gezielt gegen den Rest der Bevölkerung aufhetzen – oft unter Verwendung religiöser Propaganda, die häufig islamischen Ursprungs ist.

Selbst kleinere Menschengruppen können gut zur Tarnung von Gewalttätern verwendet werden; die Anzahl von Flüchtlingen spielt für die Terrorgefahr deswegen so gut wie keine Rolle.

Es ist auch bekannt geworden, dass terroristische Akteure insbesondere des Islamischen Staats (IS) vereinzelt Terroristen als Flüchtlinge getarnt haben. So etwas ist kaum zu verhindern, aber für Terroristen auch nur eine von vielen Möglichkeiten. Übrigens wäre eine solche Tarnung kaum weniger schwierig, wenn es beispielsweise zehnmal weniger Flüchtlinge gebe oder zehnmal weniger Flüchtlinge aufgenommen würden. Selbst wenn kein einziger Flüchtling mehr bei uns wohnte, könnten Terroristen dann eben auf andere Weise getarnt werden – etwa als Touristen oder Berufstätige.

Nicht hilfreiche Reaktionen

Es ist zunächst einmal eine natürliche menschliche Reaktion, dass schockierende Eindrücke z. B. durch brutale Terrorakte zu einer mehr oder weniger starken Abneigung gegen Menschen führen, die gewisse tatsächliche oder vermeintliche Verbindungen dazu haben. Gerade wenn die Hintergründe solcher Probleme weitgehend ungeklärt bleiben, das Verständnis der Lage also diffus bleibt, sind auch daraus entstehende Ängste und Aversionen natürlicherweise eher diffuser Natur. Dies kann dann aber leider leicht zu Fehleinschätzungen führen und in der Folge zu Reaktionen, die einerseits die Probleme nicht wirksam lösen können und andererseits üble Nebenwirkungen haben:

Religiöse Schriften können brutale Gewalt scheinbar legitimieren. Der Koran hat das Potenzial dafür, ähnlich wie die christlichen und jüdischen Schriften.

  • Eine wesentliche Rolle islamistischer Ideologien und folglich auch des Islams als einen Teil von deren Grundlage ist nicht von der Hand zu weisen. Auch wer durchaus nach religiöser Verständigung sucht, sollte nicht verleugnen, dass der Koran äußerst bedenkliche Passagen enthält, die allzu leicht für die Rechtfertigung brutalster Gewalttaten herangezogen werden können. Trotz alldem ist es offenkundig falsch, pauschal allen Muslimen zu unterstellen, sie neigten zur Gewalttätigkeit, nachdem sie ja ein problematisches Buch als ihre heilige Schrift bezeichnen. Schließlich enthalten christliche und jüdische heilige Schriften ähnlich problematische Texte, die in der Geschichte auch tatsächlich oft zur Rechtfertigung schlimmer Verbrechen bis hin zum Völkermord verwendet wurden. Jedoch dürfte nur ein winziger Teil selbst derjenigen Christen, die das Alte und Neue Testament nach wie vor als Gottes Wort im strengen Sinne (und somit als unfehlbar) betrachten, tatsächlich durch deren Inhalte gefährlich werden; gleiches darf und muss man für Muslime annehmen. Ebenso offenkundig löst man kein Gewaltproblem, sondern verschärft die Konflikte sogar, indem man massenhaft unschuldige, friedliche und ungefährliche Menschen ungerecht beschuldigt und ausgrenzt. Wer wirklich interessiert ist an der Überwindung von Konflikten und damit der Verringerung von Terrorgefahren, tut so etwas nicht.

Man ist kein Unmensch, wenn einem z. B. arabisch aussehende junge Männer, die im Fernsehen gesehenen Terroristenebenen, unheimlich vorkommen. Jedoch sollte man sein Handeln reflektieren und nicht nur dem ersten Bauchgefühl folgen.

  • Die Tatsache, dass in den letzten Jahren Menschen arabischen Ursprung einen deutlich überproportionalen Anteil an terroristischen Gewalttätern hatten, kann verständlicherweise ungute Gefühle in der Bevölkerung gegenüber arabisch aussehenden Menschen auslösen. Dies ist zunächst einmal eine natürliche Reaktion auf ein durch bestimmte Nachrichten fast zwangsläufig entstehendes Bauchgefühl. Jedoch kann von jedem denkenden Menschen erwartet werden, dass er aufgrund solcher Gefühle nicht rassistische Meinungen entwickelt – etwa die Ansicht, arabische Menschen neigten naturgemäß viel stärker zur Gewalt als andere. Auch hier besteht die Gefahr, dass sich aus pauschalen Verdächtigungen und Beschuldigungen eine Ausgrenzung entwickelt, die Konflikte schürt und Gefahren somit verstärkt.

Die Flüchtlingskrise hat die Terrorgefahr in Mitteleuropa erhöht – wofür aber zu allerletzt die Flüchtlinge verantwortlich sind.

  • Es trifft wohl zu, dass die Terrorgefahr in Mitteleuropa derzeit deutlich höher ist, als sie es wäre, wenn die Flüchtlingskrise und ihre Ursachen (v. a. der Syrien-Krieg) nicht entstanden wären. Gleichzeitig muss aber klar sein, dass man dies nicht am allerwenigsten den Flüchtlingen anlasten darf; schließlich sind diese weitaus häufiger Opfer brutaler Gewalt als deren Verursacher. Zudem liegt es auf der Hand, dass eine feindselige Einstellung gegenüber Flüchtlingen den Terrorismus keineswegs zurückdrängen könnte; hierfür müsste man Ursachen bekämpfen und nicht deren Folgen und Opfer.

Unsere Werte verteidigen wir, indem wir daran festhalten und nicht, indem wir Teile davon über Bord werfen.

  • Es ist nachvollziehbar, dass viele die terroristische Bedrohung aus dem Nahen Osten als einen Angriff auf westliche Freiheiten empfinden. Zwar sind diese sicher nicht ein Auslöser für Terrorismus. Jedoch werden manche unserer wichtigen kulturellen Errungenschaften – beispielsweise Frauenrechte und die Nicht-Diskriminierung von Homosexuellen – von islamischen Hasspredigern als Beweis für unsere völlige Verdorbenheit angeprangert. Mühsam errungene Werte, deren Gültigkeit angesichts der Folgen brutaler Intoleranz umso offenkundiger ist, sind mit Nachdruck zu verteidigen. Dies bedeutet aber gerade nicht, einige dieser Werte als vermeintlich notwendiges Opfer im Kampf gegen den Terror aufzugeben oder einzuschränken. Beispielsweise ist es höchst bedenklich, wenn ein französischer Präsidentschaftskandidat die Internierung von Menschen fordert, denen keinerlei Straftat nachgewiesen werden kann; dies würde einen fundamentalen Grundsatz des Rechts verletzen. Ebenfalls dürfen vernünftige Abwägungen (z. B. von Nutzen und Gefahren) niemals aufgegeben werden, etwa wenn bedenkliche Eingriffe in bürgerliche Grundfreiheiten erlaubt werden sollen, um damit angeblich den Terror endlich wirksamer bekämpfen zu können.

Diverse populistische Forderungen sind nicht nur unsinnig und nutzlos, sondern vielmehr auch brandgefährlich!

Bei genauerem Nachdenken erkennt man also schnell, dass diverse Forderungen populistischer Meinungsmacher – etwa nach einer möglichst restriktiven Flüchtlingspolitik zur angeblichen Verminderung von Terrorgefahren – einerseits massenhaft ungerechte Konsequenzen hätten und andererseits die versprochene Problemlösung niemals einlösen könnten. Hierbei darf auch nicht übersehen werden, dass eine rücksichtslose Flüchtlingspolitik – mit der Weigerung, eigene Beiträge zur Problemlösung zu leisten – einen Rückfall in die Herrschaft nationaler Egoismen auslösen und damit entscheidende Pfeiler unseres Wohlstands und unserer Sicherheit schwer gefährden kann.

Terror gegen Flüchtlinge

Terror, der von Deutschen gegen andere Bevölkerungsgruppe verübt wird, scheint von vielen nicht als Terror empfunden zu werden.

Leider sind nicht wenige Flüchtlinge nicht nur in ihrem Heimatland terroristischen Gefahren ausgesetzt gewesen, sondern werden an ihren Zufluchtsort erneut Opfer von gewalttätigen Angriffen. Bekanntlich hat in Deutschland der Umfang dieser Kriminalität – beispielsweise in Form von Brandanschlägen gegen Flüchtlingsheime – ein wahrlich besorgniserregendes Ausmaß angenommen, und leider werden die Täter in den meisten Fällen nicht gefasst und verurteilt. Offenbar treffen Sie teils sogar auf Richter, die beispielsweise fremdenfeindliche Motive trotz klarster Indizien nicht erkennen wollen und äußerste Milde walten lassen. Hinzu kommen manche Politiker, die nicht etwa eine wirksamere Bekämpfung dieser Gewalttaten fordern, sondern im Gegenteil eine restriktivere Flüchtlingspolitik. Dabei ist es offenkundig, dass man hiermit nicht nur massenhaft Unschuldige für die Taten anderer straft, sondern auch die Gewalttäter bestärkt. Es gibt jedenfalls sehr klare Hinweise darauf, dass solche Gewalttaten durch eine von Politikern geschürte Stimmung sehr gefördert werden können.

Man kann sich darüber streiten, ob die genannten Gewaltverbrechen als Terrorismus qualifiziert werden sollten. Häufig werden sie das nicht – vielleicht weil Taten, die sich gegen andere Bevölkerungsgruppen richten als die eigene, als weniger bedrohlich empfunden werden. Jedoch gibt es hier eindeutige Merkmale des Terrorismus: den Einsatz brutaler Gewalt zur Verfolgung gewisser Ziele durch die Erzeugung von Angst und Schrecken. Sicher gibt es aber keine Rechtfertigung dafür, das massenhafte Aufkommen solcher Taten einfach hinzunehmen und teils noch durch politische Propaganda zu begünstigen.

Wie begegnet man den Gefahren wirksam?

Ein Patentrezept für die wirksame Bekämpfung von Terrorismus gibt es leider nicht, aber durchaus sinnvolle Ansätze, von denen viele noch lange nicht konsequent verfolgt werden.

Die Bekämpfung der Ursachen wäre sicherlich der wirksamste Ansatz. Man dürfte nicht zulassen, das z. B. infolge von Konflikten die berechtigten Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen systematisch verletzt werden, ohne dass den Betroffenen eine friedliche Möglichkeit zur Bewältigung der Probleme gelassen wird. Leider geschieht dies aber oft, weil Regierungen das Gefühl haben, die Interessen von militärisch machtlosen Gruppen schadlos ignorieren zu können.

Ein Beispiel hierfür ist die sunnitische Bevölkerung des Irak nach dem Krieg von 2003; diese wurde nun plötzlich von schiitischen Machthabern regiert, die auf ihre Interessen kaum Rücksicht nahm (und auch die frühere Unterdrückung von Schiiten durch Sunniten damit rächte), und verlor zu einem großen Teil ihre frühere Lebensgrundlage. Auf diese Weise entstand großer Hass in Kombination mit dem Gefühl, nur durch brutalste Gewalt die eigenen Interessen einigermaßen durchsetzen zu können. Daraus entstand schließlich der Islamische Staat (IS) und somit ein gewaltiges Terrorismusproblem. Man versteht nichts, und kann vor allem rein gar nichts erreichen, wenn man die dort immer wieder verübten Gräueltaten als Folge einer religiös verursachten Verwirrung und einer bedauerlichen Rückständigkeit dieser Region oder der arabischen Rasse deutet – etwa nach dem Motto, “Die spinnen dort eben komplett”.

Leider ist die Bekämpfung der Ursachen von Terrorismus und anderer Gewalt nur sehr begrenzt möglich, solange kein gut funktionierendes internationales System zur Regelung von Konflikten etabliert ist. Zu wenige Menschen erkennen die Konfliktursachen ausreichend deutlich und wirken auf ihre Regierungen ein, diese zu entschärfen.

Ein entsprechendes Umdenken würde freilich voraussetzen, dass man notfalls auch zu quasi freiwilligen Zugeständnissen bereit ist, also hier und dort gewisse Abstriche bei den eigenen unmittelbaren Interessen in Kauf nimmt. Dies könnte in manchen Fällen relativ einfach gelingen, in anderen aber auch sehr schwierig sein, vor allem solange noch kein funktionierendes internationales System zur Regelung von Konflikten etabliert ist. (Trotz der bisherigen Bemühungen, die beispielsweise zur Bildung der UNO geführt haben, gilt ja im Kern weiterhin auf Ebene der Staaten das Recht des Stärkeren.) Nun könnten zwar die Bevölkerungen demokratisch regierter Länder, die solche Missstände erkennen und Konflikte auch im eigenen Interesse lösen statt schüren möchten, von ihren Regierungen eine entsprechende Politik einfordern. Dies gelingt jedoch aus den verschiedensten Gründen eher selten. Die meisten Regierungen möchten nämlich keine Nachteile in Kauf nehmen, solange keine echte Kooperation auf internationaler Ebene etabliert ist, und beeinflussen ihre Bevölkerung dann auch entsprechend. Leider ordnet sich auch der Großteil der Presse praktisch überall in das jeweilige politische Lager ein und versäumt es, die Konfliktursachen und Lösungsmöglichkeiten angemessen bekanntzumachen. Dadurch sind leider die Chancen, das Problem des Terrorismus entscheidend zu entschärfen, bis auf weiteres sehr begrenzt. Es bleiben dann nur noch die meist weniger effektiven Maßnahmen, die nun einmal entstandenen gewalttätigen Konflikte einigermaßen zu begrenzen.

Die Beschäftigung mit Ursachen des Terrorismus mit der Rechtfertigung von Terrorismus zu verwechseln, ist perfide. Verständnis ist die unverzichtbare Voraussetzung für intelligentes und wirksames Handeln.

Hierfür ist es zunächst einmal wichtig, ein möglichst gutes Verständnis der Probleme zu entwickeln. Damit ist selbstredend nicht Verständnis für Terrorismus gemeint; gerade wer die Menschenrechte hochhält, kann unmöglich terroristische Gewalttaten als irgendwie gerechtfertigt betrachten. (Ohnehin ist es offensichtlich, dass diese weitaus mehr Probleme schaffen, als sie lösen können.) Vielmehr geht es um das Verständnis von Ursachen, um möglichst intelligent und wirksam darauf reagieren zu können.

Verständnis fällt nicht vom Himmel, sondern entsteht durch sorgfältiges Nachdenken und durch den Dialog mit Menschen, die verschiedene Perspektiven auf die Wirklichkeit haben. Dies kann für Bürger beispielsweise auch eine sehr nützliche Nebenwirkung der Mitarbeit in einem Flüchtlingshelferkreis sein. Die Lektüre dieses Textes kann und soll dieses Nachdenken und den Dialog niemals ersetzen, sondern nur anregen. Beispielsweise folgen hier einige Gedanken über die oben beschriebenen Elemente politischer und religiöser Indoktrination, die zur Gewalttätigkeit von Menschen führen können:

Wie stehen wir zur Verantwortung westlicher Regierungen für das Chaos im Nahen Osten?

Wir sollten offen und ehrlich mit der Frage umgehen, inwieweit unsere westlichen Gesellschaften und Regierung für das verbreitete Elend in anderen Regionen dieser Welt (etwa im Nahen Osten) verantwortlich sind. Wer stattdessen die Einstellung vertritt, man müsse doch die Interessen des eigenen Lagers (hier: des westlichen Lagers) vertreten, beispielsweise um Ansprüche abzuwehren, beraubt sich damit selbst der Möglichkeit, Probleme zu verstehen und Lösungen zu finden. Beispielsweise ist kaum von der Hand zu weisen, dass der von der US-Regierung in 2003 auf der Basis bewusster Lügen vom Zaun gebrochenen Krieg gegen den Irak verheerende Folgen hatte, und zwar nicht nur die weitgehende Zerstörung dieses Landes und seiner Gesellschaft, sondern auch eine Vielzahl schwerer Konflikte, die die ganze Region massiv destabilisiert haben. Natürlich sind nicht wir als westliche Bürger schuld daran – viele von uns haben die Verlogenheit und Gefährlichkeit dieser Kriegspolitik sogar von Anfang an erkannt und angeprangert, und ohnehin kann beispielsweise ein einfacher deutscher (oder auch amerikanischer!) Bürger nicht schuld sein an Entscheidungen eines amerikanischen Präsidenten. (Das sollte man auch Flüchtlingen sagen!) Jedoch ist klar, dass diejenigen, die vor dem Chaos im Nahen Osten geflohen sind, dafür noch weniger als wir können und Anspruch auf Hilfe haben. Auch wenn es anderen Ländern, die mehr Verantwortung als wir für die Probleme tragen, besonders gut anstünde zu helfen, sind wir z. B. in Deutschland immerhin in einer relativ komfortablen Position und können nicht ernsthaft fordern, die Flüchtlingskrise solle doch einfach allein von an Syrien grenzenden Ländern wie Jordanien, Libanon und der Türkei bewältigt werden. Ein anderer Aspekt ist, dass wir als Bürger eines demokratischen Landes unseren Möglichkeiten entsprechend die Stimme erheben sollten gegen Vertreter und Verteidiger einer Gewaltpolitik, die die enormen Probleme geschaffen hat und ständig neue schafft, etwa durch weitere militärische Interventionen und andere Aktivitäten in Richtung “regime change”.

Das Projekt “Flucht und Hoffnung” hat unter anderem zum Ziel, die gedankliche Auseinandersetzung mit humanitären Grundsätzen und Werten anzuregen.

Die gedankliche Auseinandersetzung mit humanitären Grundsätzen sowie mit Religionen ist ebenfalls sehr wichtig, fehlt vielerorts aber in eklatantem Ausmaß. Wir sollten beispielsweise alle erkennen, dass Menschenrechte nicht ein lästiger Anspruch anderer Menschen oder ein dummes Projekt von Gutmenschen sind, sondern die entscheidende Grundlage für ein halbwegs vernünftiges Gelingen des Zusammenlebens auf diesem Planeten. Auch ein fruchtbarer Dialog mit Menschen, die beispielsweise in religiöser Hinsicht anders eingestellt sind als wir, kann sehr nützlich und wichtig sein. Hierbei gilt es einerseits Sensitivitäten zu verstehen und respektieren, deren Ignorieren den Dialog gefährden würde, andererseits aber auch möglichst zu den Kernfragen zu gelangen, die mit aktuellen Problemen verbunden sind. Beispielsweise wäre es aus unserer Sicht sehr wichtig, dass sich auch in religiösen Kreisen die Einsicht verbreitet, dass religiöse Erkenntnisse subjektive Einsichten sind, die auch falsch oder irreführend sein können – selbst wenn sie in sogenannten heiligen Schriften stehen. Bevor hierüber ein weitreichender Konsens herrscht, kann es nämlich immer wieder Gewalttäter geben, die ihre Untaten mit vermeintlichen religiösen Wahrheiten rechtfertigen.

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wird oft missachtet – mit haarsträubenden Konsequenzen.

Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit wird leider auch allzu häufig außer acht gelassen. Beispielsweise kann man sicherlich nicht einer Million von Flüchtlingen die Hilfe verweigern, weil sich darunter vielleicht eine Hand voll von Terroristen verstecken könnte. Man sollte nicht auf irreale Gefahren starren – etwa auf die einer Islamisierung des Abendlandes – und gleichzeitig die Augen davor verschließen, dass viele tausend Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, weil wir den Schutz der EU-Außengrenzen höher werten als den Schutz des Lebens von Flüchtlingen. Leider ist die öffentliche Diskussion oft von einer geradezu unglaublichen Einseitigkeit geprägt. Beispielsweise beleuchten unsere Medien und Politiker einen einzigen Messerangriff eines Asylbewerbers intensiver als hundert Brandanschläge von Rechtsradikalen auf Asylbewerberheime, und danach wirft man ihnen noch vor, sie nähmen die Sorgen der deutschen Bevölkerung zu wenig ernst.

Immer wieder muss überlegt werden, welche Schlüsse wirklich gerechtfertigt sind und welche geforderten Maßnahmen wirklich den versprochenen Erfolg bringen können:

Literatur

[1]Michael Lüders, “Wer den Wind sät”, C. H. Beck, ISBN 978 3 406 67749 6
[2]Jürgen Todenhöfer, “Wer weint schon um Abdul und Tanaya?”, Herder, ISBN-13: 978-3451281150
[3]Regine Igel, “Terrorjahre”, F. A. Herbig, ISBN-13: 9783776624656

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: Menschenrechte, Kooperation, Konflikte von Werten und Interessen