Rassismus

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Definition: die Abwertung von Menschen aufgrund biologischer Merkmale und darauf aufbauende Benachteiligung oder Verfolgung

Englisch: racism

Wie man zitiert; zusätzliche Literatur vorschlagen

Ursprüngliche Erstellung: 24.03.2016; letzte Änderung: 12.02.2017

Unter Rassismus im engeren Sinne versteht man die meist abwertende Unterscheidung von Menschen nach biologischen Merkmalen (z. B. Hautfarbe oder Gesichtszüge), die dann häufig der (Pseudo-)Rechtfertigung von Benachteiligung oder gar Verfolgung solcher Menschen dient. Oft werden entsprechende biologische Merkmale bestimmten ethnischen Gruppen pauschal zugeschrieben, obwohl eine sachliche Grundlage hierfür fehlt. Eine klare Abgrenzung gegenüber anderen Formen (bzw. Begründungen) von Fremdenfeindlichkeit ist oft schwierig.

Versuche der wissenschaftlichen Rechtfertigung

Es gab vor allem im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert intensive Bemühungen, den Rassismus auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen. Dies scheiterte aber schon daran, dass es gar nicht möglich ist, Populationen eindeutig nach biologischen Merkmalen voneinander abzugrenzen. Zwar könnte man theoretisch z. B. eine scharfe Grenze bezüglich der Helligkeit der Hautfarbe einführen, mit der sich jeder Mensch eindeutig als “hellhäutig” oder “dunkelhäutig” einstufen ließe, oder auch in eine von mehreren Gruppen unterschiedlicher Farbe (z. B. eher gelblich, rötlich usw.). Jedoch hätte man damit ein annähernd bedeutungsloses Merkmal erfasst, welches auch innerhalb von als relativ einheitlich angesehenen Populationen variiert, und das natürlich nicht entfernt für eine Rechtfertigung von Diskriminierung taugen könnte.

Menschen unterscheiden sich zwar bezüglich einer Vielzahl von Eigenschaften; jedoch gibt es bezüglich Hautfarbe, Körpergröße, körperliche Kraft, Intelligenz etc. bereits innerhalb einer ethnischen Gruppe sehr große Unterschiede. Wer also beispielsweise eine Volksgruppe aufgrund ihrer angeblich niedrigeren Intelligenz benachteiligen möchte, müsste dann einen wesentlichen Teil der Mitglieder seiner eigenen Volksgruppe ebenso diskriminieren.

Im Übrigen rechtfertigen solche Unterschiede natürlich in keiner Weise eine Benachteiligung oder gar Verfolgung. Dies gilt in klarster Weise für Merkmale wie Hautfarbe oder Körpergröße, denen ganz offensichtlich jegliche Relevanz für den genannten Zweck fehlt. Aber auch tatsächliche Schwächen bestimmter Menschen (etwa eine geringe Körperkraft oder Intelligenz) können niemals eine haltbare Rechtfertigung für Benachteiligung sein. Beispielsweise sollte niemand z. B. die Unterdrückung einer ungebildeten Arbeiterklasse durch eine Elite intelligenter Menschen für gerechtfertigt halten.

Ein in diesem Zusammenhang sehr oft gemachter Fehler ist der sogenannte naturalistische Fehlschluss. Aus der Beobachtung, dass in der Natur schwächere Individuen häufig von stärkeren vertrieben oder getötet werden, wird fälschlich gefolgert, dass ein solches Verhalten “natürlich” und damit nicht zu beanstanden sei. Diesem Schluss fehlt freilich jede Logik. Niemals wird ein Verhalten allein dadurch gerechtfertigt, dass es irgendwo – sei es in der Natur oder zwischen Menschen - vorkommt.

Rassismus im weiteren Sinne

Häufig wird der Begriff auch in einem mehr oder weniger erweiterten Sinne verwendet, nämlich wenn es eigentlich nicht explizit um biologische Merkmale geht, sondern um die Zugehörigkeit zu gewissen ethnischen Gruppen (Volksgruppen) oder Nationen oder auch zu religiösen Gruppen; der Aspekt der benachteiligenden Diskriminierung oder der Erzeugung von Hassgefühlen steht oft im Vordergrund. Es liegt dann eine gewisse begriffliche Unschärfe vor, wenn es nicht wirklich um Rassen geht.

Bei Fremdenfeindlichkeit liegt häufig der Verdacht auf rassistische Hintergründe nahe, selbst wenn diese nicht klar formuliert werden. Übrigens dürfte auch vielen Menschen, die gewisse Volksgruppen (z. B. “die Türken” oder “die Albaner”) ablehnen und diskriminieren, selbst nicht klar sein, wie genau sie diese Gruppen definieren würden – über biologische Merkmale, eine Nationalität, gewisse kulturelle Einstellungen oder was sonst. Im Zweifelsfall sollte aber der Begriff Rassismus vermieden werden und besser z. B. nur von Fremdenfeindlichkeit gesprochen werden – eben von dem, was jeweils offenkundig ist. In der Sozialwissenschaft ist übrigens der Oberbegriff gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geprägt werden; dieser lässt die genauen Merkmale, gegen die sich die Feindseligkeit richtet, offen.

Funktionen von Rassismus

Rassismus mag intellektuell unhaltbar und ethisch unvertretbar sein, aber nutzlos ist er durchaus nicht. Er kann für seine Vertreter und deren Adressaten eine Menge wichtiger Funktionen haben:

Diese vielfältigen nützlichen Funktionen von Rassismus und nicht etwa dessen intellektuelle Überzeugungskraft sind sicherlich der Grund dafür, dass Rassismus kaum je endgültig überwindbar ist. Ein gewisser Bevölkerungsanteil der meisten Länder ist hierfür anfällig – insbesondere solche Menschen, die ihre Zukunft bedroht sehen und sich von der Komplexität der Welt überfordert fühlen. Deswegen finden sich auch immer wieder Demagogen, die gezielt rassistische Propaganda einsetzen, um Macht zu gewinnen.

Immerhin geben die oben ausgeführten Gedanken über die Funktionen von Rassismus auch Hinweise für dessen Bekämpfung:

Was genau ist das Problem?

Rassismus erzeugt und verstärkt in einer Gesellschaft eine Vielzahl von Problemen, von denen hier nur einige genannt werden sollen:

Rassismusvorwurf als griffige Keule?

Gelegentlich wird beklagt, die Meinungsfreiheit leide darunter, dass allzu schnell die Keule des Rassismus-Vorwurfs geschwungen werde.

In der Tat ist davor zu warnen, voreilig entsprechende Vorwürfe zu erheben; niemandem ist gedient, wenn solche Vorwürfe auf dürftiger Basis eingesetzt, also als Kampfmittel gegen missliebige Meinungen missbraucht werden. Effektiv kann Rassismus nur bekämpft werden, wenn er für möglichst breite Teile der Öffentlichkeit überzeugend aufgezeigt wird – natürlich genau dort, wo er eindeutig auftritt. Ein bloßer Verdacht auf einen rassistischen Hintergrund von Gedanken sollte hierfür nicht ausreichen.

Es kommt aber auch vor, dass entsprechend Angeschuldigte einen Rassismus-Vorwurf reflexhaft von sich weisen und gar nicht verstehen, dass er eigentlich berechtigt ist. Beispielsweise werden sie sich nicht gegen konkrete Personen, die das verdienen (etwa Einbrecher), sondern pauschal gegen ganze Volksgruppen, die angeblich verstärkt zur Kriminalität neigen (wobei dies oft nicht explizit behauptet, aber implizit vorausgesetzt wird). Dass diese Pauschalisierung ganz vielen Menschen Unrecht tut, nehmen sie gar nicht erst wahr. Sie fühlen sich dann selbst schrecklich ungerecht behandelt, wenn sie dafür als Rassisten gesehen werden. Besser wäre es sicherlich, hier eher argumentativ als konfrontativ vorzugehen, etwa so:

Andererseits gibt es natürlich auch Fälle, in denen sich eine detaillierte argumentative Auseinandersetzung erübrigt. Wo beispielsweise ein grölendes Pack Schwerkriminelle (z. B. Brandstifter) anfeuert, muss man nicht noch erklären, warum dies problematisch ist; hier muss in aller Deutlichkeit klargemacht werden, dass die Grenzen des Erträglichen überschritten wurden.

Rassismus in Deutschland

Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung lehnt Rassismus eindeutig ab und denkt mit Grauen zurück an Zeiten, in denen der Rassismus von Staats wegen in aggressivster Weise eingesetzt wurde. Jedoch gibt es durchaus Strömungen, die rassistische Einstellungen mehr oder weniger offen vertreten, sowie eine kleine Minderheit, die sogar Sympathien für rassistische Gewalttaten hegt.

Besonders offenkundig wurde dieses Problem 1991 in Hoyerswerda. Dort rotteten sich am 17.09.1991 Neonazis zusammen, begannen zunächst mit massiver Pöbeleien gegen Ausländer und griffen schließlich am folgenden Tag, als sie sich durch die von Bevölkerung und Polizei vermittelte Stimmung ermuntert fühlten, mit Steinen und Molotowcocktails ein Wohnheim an, in das Flüchtlinge vor ihnen geflohen waren. Während die Polizei die Angreifer weitestgehend unbehelligt ließ, bejubelten diverse Anwohner sogar das Zerstörungswerk. Kurz darauf wurde dann noch ein Flüchtlingswohnheim angegriffen. Landratsamt und Polizei entschlossen sich nicht etwa zu einem entschiedenen Vorgehen gegen rassistische Gewalttäter, sondern vielmehr zur schnellstmöglichen Entfernung der angegriffenen Flüchtlinge – und zwar nicht zu deren Schutz an einem nahe gelegenen Ort, sondern durch schnellstmögliche Abschiebung in ihre Heimatländer.

Diese ermutigenden Erfahrungen stimulierten entsprechende Kreise dazu, eine ähnliche extrem ausländerfeindliche Bewegung in anderen Städten Deutschlands in Gang zu setzen. Angriffe im August 1992 auf ein Wohnheim in Rostock-Lichtenhagen fanden besonders viel Beachtung, aber es gab auch unzählige andere. Von den Straftätern wurde nur ein sehr geringer Teil aufgegriffen und gerichtlich verfolgt. Entsprechende Unruhen waren für die Politik dann der Anlass, das Asylrecht massiv zu beschränken.

Später boten die Verbrechen des NSU ein weiteres Beispiel für diese Problematik. Während die Mitglieder des NSU eine ganze Serie von Morden und anderen Gewalttaten begannen, ließen sich Behörden von dem Verdacht leiten, die Verbrechen seien aus den Kreisen der Mordopfer selbst hervorgegangen. Derweil tummelte sich eine ganze Schar von staatlich finanzierten V-Leuten in der rechtsradikalen Szene, was aber nicht etwa zur Aufdeckung der Täter und Aufklärung der Verbrechen geführt hätte, sondern vielmehr noch die Aufklärung und Strafverfolgung bis heute massiv behindert, weil V-Leute auch vor Gericht geschützt werden und “Sicherheitsbehörden” Geheimnisse über die Szene bewahren. Klaren Hinweisen auf zusätzliche Täter wird nicht nachgegangen, vielleicht weil man V-Leute schützen oder staatliche Verwicklungen verdeckt halten möchte. Dies kritisieren keineswegs nur Linke, sondern beispielsweise auch Clemens Binninger, der Vorsitzende des NSU-Untersuchungsausschusses, und der Menschenrechtskommissar des Europarats in seinem Bericht von 2015 zu Deutschland.

Seit 2015 haben Brandanschläge auf Flüchtlingsheime durch Rechtsextremisten, die häufig wesentliche Zustimmung oder gar Unterstützung aus der Bevölkerung erfahren, wieder drastisch zugenommen. Auch hier ist häufig wieder ein großer Widerwille von Behörden spürbar, solche Aktivitäten energisch zu verfolgen. Trotz klarster Indizien wird häufig behauptet, eine ausländerfeindliche oder rassistische Motivation der Täter sei nicht zu erkennen, und Strafen fallen häufig äußerst milde aus. Dringend nötig wäre ein umfassendes Schutzkonzept für Flüchtlingsunterkünfte, nachdem jedes Jahr hunderte von schweren Angriffen gegen solche erfolgen und Täter bisher kaum zur Rechenschaft gezogen werden.

Diese Entwicklungen zeigen, dass Rassismus nicht nur bei einer kleinen Minderheit von Bürgern vorkommt, sondern mancherorts auch in staatlichen Institutionen hartnäckig verankert ist. Nur so lässt sich erklären, dass vielerorts die Behörden rechter Gewalt auffallend inaktiv begegnen (und deren Verbrechen teils in erschreckender Weise verharmlosen), Täter und deren Hintermänner schützen und eher noch die Opfer beschuldigen und überwachen. In solchen Fällen erfüllt der Staat nicht mehr seine Aufgabe, alle im Land wohnenden Menschen vor Gewalt zu schützen, und er begünstigt weitere Gewalt durch fehlende Verfolgung selbst schwerer Verbrechen.

Somit wird deutlich, dass ein entschiedenes Eintreten gegen Rassismus in Deutschland nicht nur ein Gebot ist, welches sich aus der deutschen Geschichte ableiten lässt, sondern vielmehr auch eine dringende Notwendigkeit, um eine massive Ausbreitung von Gewalt und die Verankerung von Rassismus in staatlichen Institutionen zu bekämpfen. Leider ist oft gerade in Kreisen, die sich vorgeblich besonders für den Rechtsstaat und gegen Kriminalität einsetzen, wenig Interesse an dieser Thematik erkennbar; institutioneller Rassismus wird geleugnet, und Maßnahmen dagegen werden abgelehnt.

Selbstverständlich sollen Polizei und andere Behörden nicht pauschal beschuldigt werden, wegen einer rassistischen Grundhaltung Verbrechen nicht angemessen zu verfolgen. Natürlich gibt es dort viele Mitarbeiter, die ihre Aufgaben tadellos erfüllen. Jedoch ist das existierende Problem offenkundig mehr als nur ein Fehlverhalten einzelner schwarzer Schafe, nachdem oft auch Führungspersonen involviert sind und entsprechende Fehlentscheidungen nicht korrigiert werden. Auch etliche internationale Menschensrechtsgremien wie z. B. die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz (ECRI) sehen klare Indizien für einen institutionellen Rassismus in den deutschen Sicherheitsbehörden.

Rassismus bei Ausländern

Natürlich ist Rassismus kein auf Deutschland oder westliche Länder begrenztes Phänomen. Beispielsweise gibt es in der arabischen Welt einen verbreiteten, teils auch radikalen Antisemitismus, der häufig auch stark rassistische Züge trägt. Solche Einstellungen finden sich teils auch bei in Deutschland ankommenden Migranten. Selbstverständlich sind sie dort genauso zu bekämpfen wie bei Deutschen. Und genauso selbstverständlich darf ein Rassismus-Vorwurf auch hier nicht pauschal gegen ganze Volksgruppen gerichtet werden (was gerade selbst rassistisch wäre), sondern immer nur gegen diejenigen, die dies konkret verdienen.

Literatur

[1]Amnesty International Deutschland, Kampagne gegen rassistische Gewalt in Deutschland, https://www.amnesty.de/gemeinsam-gegen-rassistische-gewalt-deutschland; siehe beispielsweise den Bericht "Leben in Unsicherheit" über die mangelnde Aufklärung und Verfolgung der NSU-Morde
[2]Amadeu Antonio Stiftung, https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/

(Zusätzliche Literatur vorschlagen)

Siehe auch: gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Menschenrechte, Fluchtgründe, Kooperation